Zusammen – Allein

Ergebnisse eines Schreibwettbewerbs des sächsischen Justizvollzuges veröffentlicht 2010 im Verlag PaperOne, Leipzig

zusammen___allei_4ce830d09d01aSchreiben kann ja jeder und mit dem Thema „Zusammen-Allein“ können sich viele Menschen identifizieren, dachte sich Alfred Haberkorn, der Leiter des Kreativzentrums der JVA Zeithain ist. Die Idee für einen Schreibwettbewerb im sächsischen Strafvollzug wurde geboren.

Das Thema „Zusammen-Allein“ verbindet verschiedene Bedürfnisse des Menschen der heutigen Gesellschaft. So erleben nicht wenige den Wunsch nach Nähe gleichzeitig mit dem Drang frei zu sein.

Eine Inhaftierung verändert einen Menschen und sein soziales Netzwerk. Jeder Mensch geht mit einer Inhaftierung anders um. Mit dem Thema „Zusammen-Allein“ verbindet ein Gefangener womöglich etwas anderes als der Mensch „draußen“.

Die folgenden Texte bewegen sich rund um das Thema: „Zusammen-Allein“ und geben dem Leser einen Einblick in Gedanken von Menschen, die das Leben im Gefängnis erfahren (haben) und von diesem Standpunkt aus auf das Thema von Zusammensein und Alleinsein blicken. Worte können Gefühle, Gedanken, Erlebnisse nach „draußen“ transportieren. Sie bilden eine Brücke zwischen den Autoren und dem Leser.
Sie benennen Berührungspunkte zwischen denen drinnen und denen draußen.

Der Schreibwettbewerb startete im April 2010. Bis zum Einsendeschluss Ende Juli erhielten wir über 60 Beiträge von Inhaftierten aus der JVA Waldheim, der JVA Dresden, der JVA Zeithain, der JVA Chemnitz, der JVA Torgau sowie der JVA Leipzig.

Mit Unterstützung einer Jury, in der sich die Schriftsteller Volly Tanner, Henner Kotte und Christian von Aster befanden, wurden aus der Vielzahl der Beiträge 9 Favoriten ausgewählt.

Ein kurzer Auszug:

Das bestialische Ich
Ich bin das schwarze Schaf,
Der Albtraum aller Eltern,
Das ewig unartige Kind,
Verlogen und verdorben,
Missverstanden und gehasst,
Ein Klumpen Scheiße
Am Fuße der Gesellschaft.Unmensch ist mein Name
Und Frevel mein Element.
Mein ist alles Übel,
Die Entfremdung der Gewohnheit,
Die privilegierte Andersartigkeit,
Das Unnormalste auf Erden,
Die Dekadenz aller Kultur.Ich gehöre verboten.
Ich, das bizarre Monstrum,
Ein Engel mit beschmutzten Flügeln,
Der Abschaum der Menschheit,
Die Ausgeburt der Hölle,
Des Beelzebubs Werte,
Dem jeder zu entfliehen versucht.Mir möchte keiner nachts begegnen
Denn Hinterlist und Bitterkeit
Schrieb man mir
Auf die leichenblasse Stirn.
Doch kein Biest tobt in mir,
Denn das grausige Scheusal
Bin ich ganz allein!
Patrick M. , JSA Regis-Breitingen
Der Wille
„Spring!“ riefen die Kinder.
Und ich blieb alleine vor dem Zaun zurück.

„Spring!“ schrie die Sportlehrerin.
Und ich blieb vor dem Doppelbock stehen und
schüttelte den Kopf.

„Spring!“ dröhnte der Schwimmmeister.
Und ich blieb starr auf dem Startblock
wie gelähmt stehen.

„Spring!“ grölten die Massen.
Und ich blieb auf der Mauer sitzen,
als alle anderen
schon den Westen stürmten.
Es ist ganz leicht, in den Ruf zu kommen,
ein wenig feige zu sein.

Heute springe ich aus Flugzeugen,
mit dem Pferd über Gräben und Baumstämme
und wenn nötig, auch aus einem fahrenden Zug.
Und dafür musste ich mich überhaupt nicht verändern.
Heike R. , JVA Chemnitz

Schussbereit
Kaltes Feuer, Glut im Eis.
Abwechselnd schaurig schön und heiß.
Im Spiel der Zungen, Hände, Worte
Erschließen sich geheimste Orte.
Ein klitzekleines Glück auf Zeit.
Wann kommt es wieder nur so weit?
Seit Monaten ganz abgeschnitten –
Die Glückshormone lassen bitten…
Die Explosion am Monatsende:
Enthaltsamkeit ein Ende fände.
Jetzt zähl’ ich Tage und Minuten
Und meine Nervenenden bluten.
Hilfe! Ich bin maßlos geil
Und lieg’ im Anschlag wie ein Pfeil,
Der plötzlich von der Sehne springt
Und in den höchsten Tönen singt…
Willst Du mich hören?
Heike R. , JVA Chemnitz

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